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Wissen16. August 2026

Warum die Trefferquote fast nichts über ein System sagt

Acht von zehn Trades im Plus klingt gut und kann trotzdem ein Verlustkonto sein. Wer nur zählt, wie oft er richtig lag, misst die falsche Zahl — und merkt es meistens erst nach Monaten.

Wer sich abends durch Trading-Werbung scrollt, sieht immer wieder dieselbe Zahl gross auf dem Bild: 87 Prozent Trefferquote. 9 von 10 Trades im Gewinn. Selten steht daneben, wie gross die Gewinne waren und wie gross die Verluste. Genau dort entscheidet sich aber, ob am Monatsende Geld auf dem Konto liegt oder nicht.

Die Trefferquote ist die verführerischste Zahl im Trading, weil sie so leicht zu zählen ist. Sie beantwortet aber nur eine Frage: wie oft hattest du recht. Sie sagt nichts darüber, was Recht-haben gekostet und was es gebracht hat.

Ein Rechenbeispiel, keine Ergebnisse

Nimm zwei erfundene Systeme, rein zur Veranschaulichung. Jedes macht zehn Trades.

  • ·System A: 8 Gewinner à 50 Dollar, 2 Verlierer à 250 Dollar. Trefferquote 80 Prozent. Ergebnis: 400 gewonnen, 500 verloren — minus 100 Dollar.
  • ·System B: 4 Gewinner à 300 Dollar, 6 Verlierer à 150 Dollar. Trefferquote 40 Prozent. Ergebnis: 1200 gewonnen, 900 verloren — plus 300 Dollar.

System A fühlt sich in acht von zehn Fällen gut an und verliert Geld. System B fühlt sich in sechs von zehn Fällen wie ein Fehler an und verdient welches. Wer nur die Trefferquote betrachtet, würde sich für das schlechtere von beiden entscheiden — und zwar mit einem guten Gefühl dabei.

Die Zahl, die beides zusammenbringt

Die Kennzahl, die Häufigkeit und Grösse verbindet, heisst Profitfaktor: alle Gewinne geteilt durch alle Verluste. Über 1,0 heisst, dass in der betrachteten Periode mehr hereingekommen als hinausgegangen ist. System A oben liegt bei 0,8, System B bei 1,33.

Zwei Dinge sind daran wichtig.

Erstens: Der Profitfaktor ist eine Rückschau, keine Vorhersage. Er beschreibt eine vergangene Stichprobe und sagt nichts darüber, was der nächste Monat bringt. Je kürzer die Periode, desto weniger bedeutet er. Über zwanzig Trades ist er ein Zufallswert, über einige hundert wird er langsam zu einer Aussage.

Zweitens: Ein hoher Profitfaktor über wenige Trades ist oft ein Warnsignal, kein Gütesiegel. Er entsteht schnell, wenn ein einziger sehr grosser Gewinn viele kleine Verluste überdeckt. Verschwindet dieser eine Trade aus der Statistik, kippt das ganze Bild. Deshalb gehört zu jeder solchen Zahl die Angabe, über wie viele Trades und über welchen Zeitraum sie berechnet wurde.

Wir haben das selbst erlebt. Als wir alle Muster, die der Pattern-Coach Max erkennt, gegen echte Kursdaten rechneten, blieb nach Kosten ein Minus — obwohl einzelne Muster hohe Trefferquoten hatten. Der Wert lag nicht im Finden, sondern im Weglassen. Deshalb gehört zu jeder Zahl, die dir jemand zeigt, die Angabe: über wie viele Fälle, über welchen Zeitraum, mit welcher Positionsgrösse, vor oder nach Kommissionen. Diese vier Zusätze sind kein Kleingedrucktes. Ohne sie ist die schönste Zahl wertlos.

Warum die hohe Trefferquote sich trotzdem besser anfühlt

Das Problem ist nicht Mathematik, sondern Alltag. Wer neben Beruf und Familie handelt, hat abends wenig Kapazität für Frust. Ein System, das dich in acht von zehn Fällen bestätigt, fühlt sich nach einem langen Arbeitstag deutlich angenehmer an als eines, das dich sechs Mal hintereinander mit einem kleinen Verlust nach Hause schickt.

Genau deshalb halten viele an Systemen mit hoher Trefferquote fest, obwohl das Konto langsam schrumpft. Das Gefühl liefert täglich Bestätigung, die Zahlen liefern erst nach Monaten Widerspruch — und bis dahin ist die Gewohnheit gefestigt.

Umgekehrt ist es genauso: Ein System mit niedriger Trefferquote und grossen Gewinnern ist mathematisch tragfähig, aber psychologisch anstrengend. Es wird meistens nicht aufgegeben, weil es nicht funktioniert, sondern weil niemand acht Verlierer in Folge aushält, ohne an der Sache zu zweifeln. Wer so ein System handeln will, muss vorher wissen, wie lange solche Serien werden können — sonst steigt er im schlechtesten Moment aus.

Was du stattdessen notieren kannst

Du brauchst dafür keine Software, eine Tabelle reicht. Vier Spalten genügen für den Anfang:

  • ·Ergebnis in Franken oder Dollar pro Trade, nicht nur Gewinn oder Verlust als Häkchen.
  • ·Durchschnittlicher Gewinn und durchschnittlicher Verlust getrennt, nicht zusammen als Mittelwert.
  • ·Längste Verlustserie und der grösste Rückgang vom letzten Höchststand aus.
  • ·Anzahl Trades, damit du weisst, wie ernst du deine eigenen Zahlen nehmen darfst.

Wenn du das drei Monate lang ehrlich führst, weisst du mehr über dein Handeln als aus jedem Kurs. Und du erkennst schneller, ob eine schlechte Woche im Rahmen liegt oder ob etwas grundsätzlich nicht stimmt.

Fazit

Die Trefferquote allein beantwortet keine einzige relevante Frage. Sie wird trotzdem am häufigsten gezeigt, weil sie am leichtesten gut aussieht. Nützlich wird sie erst zusammen mit dem durchschnittlichen Gewinn, dem durchschnittlichen Verlust und der Anzahl Trades, über die gerechnet wurde.

Wenn dir das nächste Mal jemand eine Prozentzahl zeigt, ist die sachliche Rückfrage nicht unhöflich, sondern selbstverständlich: über wie viele Trades, über welchen Zeitraum, und wie gross waren die Verluste. Kommt darauf keine Antwort, war die Prozentzahl Werbung und keine Information.

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Dieser Beitrag dient der Information und Weiterbildung. Er ist keine Anlageberatung und keine Handelsempfehlung. Der Handel mit Futures ist mit erheblichen Risiken verbunden.