Du kommst mitten im Film an. Lies zuerst nach.
Wer erst am Abend den Chart öffnet, sieht nur die letzte Szene des Tages. Warum sich fünf Minuten Nachlesen lohnen, bevor du auf eine Bewegung reagierst.
Vielleicht kennst du diese Situation: Du kommst nach Hause, das Abendessen ist vorbei, du setzt dich hin und öffnest den Chart. Auf dem Bildschirm entsteht gerade eine kräftige Kerze nach oben. Der erste Gedanke ist: Soll ich jetzt mitgehen?
Die bessere Frage wäre: Was ist heute schon passiert, bevor ich da war?
Du siehst nur die letzte Szene
Wer tagsüber arbeitet und erst abends den Chart öffnet, war beim Anfang nicht dabei. Der Markt läuft seit Stunden. Europa hat gehandelt, vielleicht kamen Wirtschaftszahlen aus den USA, vielleicht hat der Kurs schon eine weite Strecke zurückgelegt. Oder er pendelt seit dem Mittag in einem engen Band. Das alles steht im Chart, aber oft nicht in dem Ausschnitt, den du beim Öffnen siehst.
Ein kurzer Zeitrahmen zeigt dir vor allem die jüngsten Bewegungen. Die Kerze, die gerade steigt, wirkt gross, weil sie die neueste ist. Ob sie im Verlauf des Tages etwas bedeutet, kannst du an ihr allein nicht ablesen.
Es ist, als würdest du mitten im Film ins Kino kommen. Jemand rennt über die Leinwand. Ob er flieht oder jemanden verfolgt, weisst du nicht.
Fünf Minuten Nachlesen, bevor du irgendetwas tust
Der Gedanke dieses Beitrags ist einfach: Bevor du auf die aktuelle Bewegung reagierst, liest du den Tag nach. Das dauert nicht lange, sollte aber jedes Mal in derselben Reihenfolge geschehen. Eine mögliche Reihenfolge:
- ·Wo liegen Tageshoch und Tagestief? Und wo steht der Kurs dazwischen: oben, unten, in der Mitte?
- ·Wie weit ist der Markt heute schon gelaufen? Vergleiche die bisherige Tagesspanne grob mit den letzten Tagen. Ein Tag, der seine übliche Strecke schon hinter sich hat, kann sich anders verhalten als einer, der sich noch kaum bewegt hat.
- ·Gab es heute schon wichtige Termine? Im Wirtschaftskalender siehst du, ob eine Zahl schon veröffentlicht wurde oder noch kommt. Eine Bewegung kurz nach einer Veröffentlichung hat einen anderen Ursprung als eine an einem ruhigen Nachmittag.
- ·Wo steht der Kurs zum Durchschnittspreis des Tages, dem VWAP? Das ist kein Signal, sondern eine Orientierung: Auf welcher Seite dieses Durchschnitts lief der Handel bisher überwiegend?
- ·Welche Marken liegen in der Nähe? Vortageshoch, Vortagestief, runde Zahlen. Sie sind keine Signale, aber Bezugspunkte: Du siehst, ob der Kurs heute schon an ihnen gedreht hat oder durchgelaufen ist.
Erst danach schaust du wieder auf die Kerze, die dir beim Öffnen ins Auge gesprungen ist.
Was sich dadurch ändert
Das Nachlesen entscheidet nicht unbedingt, *ob* du handelst, aber es ändert, wie du die Bewegung einordnest. Die steigende Kerze kann der Ausbruch aus einem Band sein, das seit Stunden hält. Sie kann auch gerade auf ein Tageshoch zulaufen, an dem der Markt heute schon zweimal umgedreht hat. Oder sie ist die Reaktion auf eine Zahl, die vor zwanzig Minuten kam, und der grösste Teil der Bewegung ist bereits vorbei.
Drei Lesarten, drei völlig verschiedene Lagen. Ohne Nachlesen sehen alle drei gleich aus.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, der weniger offensichtlich ist: Die fünf Minuten nehmen dem Moment die Dringlichkeit. Wer direkt aus dem Alltag kommt, bringt dessen Tempo mit: Mails, Termine, Kinder, die noch etwas brauchen. Dieses Tempo passt schlecht zu einer Entscheidung, bei der es um Geld geht. Das Nachlesen ist darum auch ein Übergang vom Alltag zu einer ruhigeren Art, auf den Markt zu schauen.
Schreib es auf, nicht nur in den Kopf
Es hilft, die Antworten kurz zu notieren. Drei, vier Zeilen genügen, etwa so: «Hoch bei …, Tief bei …, Spanne schon weit, Zahlen am Nachmittag vorbei, Kurs unter VWAP.»
Das hat zwei Vorteile. Du merkst, wenn du einen Punkt überspringen willst, etwa weil dich die Bewegung schon gepackt hat. Ausserdem hältst du so im Journal fest, wie du den Tag gelesen hast, und nicht nur, was du getan hast. Nach einigen Wochen siehst du, ob deine Einordnung zu deinen Ergebnissen passt oder ob du bestimmte Lagen immer wieder falsch liest.
Wo Werkzeuge helfen und wo nicht
Vieles davon lässt sich automatisieren. Indikatoren zeichnen Tageshoch und Tagestief, den VWAP und die Marken vom Vortag ein. Auch Max, unser Lern-Indikator für NinjaTrader im «Trader-Cockpit mit Coach Max», bezieht Tageshoch, Tagestief und VWAP mit ein, wenn er ein Muster einordnet. Das spart Zeit beim Suchen.
Das Einordnen nimmt dir aber kein Werkzeug ab. Eine Linie im Chart zeigt dir, wo das Tageshoch liegt. Ob die Bewegung dorthin für dich eine Gelegenheit ist oder ein Grund, die Finger still zu halten, entscheidest du. Deshalb lohnt es sich, das Nachlesen eine Weile bewusst von Hand zu machen, bis die Reihenfolge sitzt. Danach können Werkzeuge dir die Arbeit erleichtern, ohne dir das Denken abzunehmen.
Fazit
Wer neben dem Beruf handelt und erst abends den Chart öffnet, kommt mitten in den Handelstag. Das ist kein Nachteil, solange du es dir bewusst machst. Die letzte Kerze zeigt nur die letzte Szene. Lies zuerst nach, was vorher war: Hoch, Tief, Spanne, Termine, Marken. Entscheide erst dann, ob diese Szene dich überhaupt etwas angeht. Manchmal lautet die Antwort: nein. Auch das ist ein Ergebnis.
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Gespräch vereinbarenDieser Beitrag dient der Information und Weiterbildung. Er ist keine Anlageberatung und keine Handelsempfehlung. Der Handel mit Futures ist mit erheblichen Risiken verbunden: Verluste können den eingesetzten Betrag übersteigen. Handle nur mit Geld, dessen Verlust du verkraften kannst.